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Teil 6

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Elisabeth Willner Bürgerin aus Ingolstadt

Doppelwale heben das Wrack auf die Sandbank

Veröffentlicht am 24.10.2025

Beinahe eine halbe Stunde verging, ohne dass sich irgendetwas tat. Den fünf Seefahrern wurden die Augen müde vom angestrengten Hinausstarren, und einer nach dem anderen rieb darin herum. Schließlich wurde es dem Weihnachtsmann zu bunt. „Wenn du uns hier zum Narren halten willst …“, donnerte er.

„Daaa! Ich seh was!“ Natürlich war es wieder mal Anton-Jochen, der die zwei behäbig heranschwimmenden Doppelwale als Erster sah.

Piet kroch beinahe in seinen Bildschirm hinein. „Das gibt’s ja gar nicht“, murmelte er.

„Angeber“, zischte Anatol-Joshua seinem Wichtelkollegen zu, „es sind ja nur zwei.“

Anders-Jonas beachtete ihn nicht weiter und sagte stattdessen zu Piet, dass er den roten Zerstreuer nun wieder ausschalten müsse, damit die Doppelwale im Licht des Bugscheinwerfers erkennen könnten, was sie zu tun hätten.

Es folgte ein Schauspiel, das Piet in seinem Leben nie mehr vergessen sollte: Zuerst umschwammen die Wale neugierig das gesunkene Schiff, wobei sie mit ihren mächtigen Flossen die Abmessungen zu prüfen schienen, dann tauchten sie darunter, balancierten das Schiff auf ihren Rücken und schwammen aus dem Sichtfeld des U-Bootes heraus. Kurz darauf gab es eine heftige Erschütterung. Während Anton-Jochen erschrocken quäkte, sagte Anders-Jonas gelassen: „Das war’s. Jetzt haben sie den havarierten Kahn auf die Sandbank geschmissen.“

„Ich glaube es ja nicht“, flüsterte Piet. „Sie wussten tatsächlich, was sie mit dem gesunkenen Schiff tun sollten.“

Anders-Jonas nickte stolz. „Hab ich dir doch gesagt.“

„Nun, meine Lieben“, sagte der Weihnachtsmann, „dann lasst uns auftauchen und zur Sandbank vorfahren. Jetzt kommt unsere wichtigste Aufgabe: die Ladung retten.“

Piet freute sich darüber, den Rest des Tages für sich zu haben, denn der Weihnachtsmann erinnerte sich an das Versprechen, dass es seine Sache und die seiner Wichtel war, die Kisten mit den Holzspielsachen auf das U-Boot umzuladen. Als sie gegen Abend damit fertig waren, schlichen sie nur noch müde in ihre Kojen und bekamen den Aufbruch zur Rückfahrt am kommenden Morgen auch nur am Rande mit.

Der Erste, der ausgeschlafen auf der Kommandobrücke neben Piet auftauchte, war der Weihnachtsmann.

„Ich habe die Route schon ausgearbeitet, auf der wir zurückfahren“, erklärte Piet, nachdem der Weihnachtsmann fragend auf die vollgekritzelte Seekarte gedeutet hatte. „Es bleibt uns nichts anderes übrig, als einen Umweg zu nehmen, denn durch die blassblaue Ozonen-Strömung kommen wir ja ohne Ruder nicht mehr durch. Leider wird uns das mehrere Tage kosten, und wir müssen außerdem den Schrottplatz der 600 Seelen überqueren.“

Der Weihnachtsmann verdrehte die Augen. „Ein Umweg von mehreren Tagen? Hoffentlich sind wir dann überhaupt bis Weihnachten wieder zu Hause. Ich muss doch die Geschenkauslieferungstouren auch noch zusammenstellen.“

„Vom Schrottplatz der 600 Seelen habe ich schon mal gehört“, sagte plötzlich eine Stimme hinter ihnen. Anatol-Joshua war aufgestanden und wollte sich etwas zum Essen holen.

„Behalte es für dich“, bat Piet. „Es reicht, wenn die anderen es erfahren, sobald wir drüberwegfahren müssen.“

Ein sanftes Meer mit einer gleichmäßigen grün-blauen Farbe war immerhin eine gute Seite, die der Umweg zu bieten hatte. Piet versteckte seinen Abreißkalender vor dem Weihnachtsmann, damit der nicht mehr das Datum sehen konnte. Die Wichtel taten ihr Bestes und veranstalteten zur Ablenkung ein täglich wechselndes Unterhaltungsprogramm. Sie kannten viele Karten- und Würfelspiele, nachmittags gab es immer ein Quiz, und schließlich schlugen sie vor, alle sollten gemeinsam singen. Das gefiel auch Piet, der sich gut gelaunt Seemannslieder wünschte.

„Nein, mein Lieber“, meinte der Weihnachtsmann, „wir singen natürlich Weihnachtslieder.“ Kaum hatte er das ausgesprochen, fiel ihm auch schon die Kinnlade runter. „Moment mal“, murmelte er und schlug sich mit der Hand vor die Stirn, „apropos Weihnachtslieder: Den Wievielten haben wir eigentlich heute?“

Augenblicklich herrschte tiefes Schweigen. Die Wichtel taten, als wären sie in ein Liederbuch vertieft. Piet hüstelte und wollte gerade eine Ausrede von einem verschwundenen Kalender erfinden, da klatschte etwas an eines der Fenster.

„Waaah!“ Wer sonst als Anton-Jochen konnte so durchdringend gekreischt haben? „Hilfe, ein Gespenst!“, brüllte er als Nächstes, was die anderen aber nicht davon abhielt, ihre Nasen augenblicklich ans Fenster zu drücken.

„Oje“, sagte Piet, „ist es etwa schon so weit?“

„Wie … soweit? Wie weit? Was meinst du?“ Anders-Jonas baute sich fragend vor Piet auf. Der aber schob ihn wortlos beiseite und kletterte zum Panoramafenster hinauf. Die Wichtel wussten, dass der Zutritt zum Rundumblick nur dem Kapitän gestattet war, und blieben zurück.

„Tatsächlich“, hörten sie ihn von oben, „die breiten sich auch immer weiter aus.“

„Es stimmt doch, dass die da unten uns daran hindern wollen, einfach weiterzufahren, oder?“, fragte Anatol-Joshua, als Piet wieder bei ihnen war.

„Von wem redet ihr eigentlich?“, und: „Da sind also noch mehr Gespenster?“, riefen Anders-Jonas und Anton-Jochen aufgeregt.

Der Weihnachtsmann ging vor ihnen in die Hocke, nahm die beiden an die Hand und erklärte ihnen, dass man nun den Schrottplatz der 600 Seelen überqueren müsse und dass damit zu rechnen sei, dass die Bewohner alles versuchen würden, das U-Boot aufzuhalten.

„Das ist nämlich eine Geister-Kolonie, die im Lauf von Jahrhunderten immer größer geworden ist“, sagte er mit ernster Miene.

„Es sind Menschen, die Schiffsunglücke nicht überlebt haben, meuternde Seeleute, die von ihren Kapitänen über Bord geworfen wurden, alte Piraten, die irgendwann nicht mehr die Kraft und den Mut hatten, andere Schiffe zu überfallen, und sogar ein paar bedauernswerte Haie, denen in einem Versuchslabor alle Zähne gezogen wurden.“

„Iiieehh!“, quiekte Anton-Jochen, „das ist ja voll grausam!“

„Und die alle hausen da unten in den Wracks von gesunkenen Schiffen“, ergänzte Anatol-Joshua.

Piet legte die Stirn in tiefe Falten und nickte.

„Können wir nicht einfach auftauchen?“, fragte Anders-Jonas.

In dem Moment rasselte und schepperte etwas, das U-Boot wurde langsamer und kam schließlich zum Stillstand. Piet rannte wieder zu seinem Panoramafenster. „Zu spät!“, rief er. „Sie haben …“

Der Rest ging in einem ohrenbetäubenden „Rrrr! Rrrr!“ unter.

„Piet!“, brüllte der Weihnachtsmann, „am Kontrollpult blinken ein paar Lämpchen!“

„Hab ich mir schon gedacht“, meinte Piet, als der Krach verstummt war, und stand im Nu wieder auf der Kommandobrücke. „Sie haben mit einer dicken Ankerkette den Heckrotor lahmgelegt. Wir sind mal wieder gefangen.“

„Oh nein“, jammerte der Weihnachtsmann, „uns bleibt auch nichts erspart.“

„Verdammt noch mal!“ Anatol-Joshua haute mit der Faust auf den Boden. „Mit so ein paar Knochengestalten werden wir doch wohl fertig!“

„Jawoll!“ Das kam vom schrillen Anton-Jochen. „Die hau’n wir aus dem Hemd!“ Dabei tänzelte er um die anderen herum und boxte in die Luft.

„Ich fürchte, heute machen wir gar nichts mehr“, sagte Piet und zuckte mit den Schultern. „Es ist spät, und ihr solltet ein bisschen schlafen. Aber wir müssen oben am Panoramafenster abwechselnd Wache schieben. Dafür erteile ich euch hiermit für diesen Notfall meine ausdrückliche Kapitäns-Erlaubnis.“ Er schüttelte jedem seiner Mitfahrer feierlich die Hand. „Ich übernehme die erste Schicht.“

Die Nacht verlief ereignislos. Die Bewohner des Schrottplatzes der 600 Seelen waren ja auch schnell an ihr Ziel gekommen: Das U-Boot konnte nicht mehr weiterfahren. Nun galt es, die Mannschaft auszuhungern.


Fortsetzung folgt…