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Teil 4

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Elisabeth Willner Bürgerin aus Ingolstadt

Sturm und Stillstand: Baruda-Gras

Veröffentlicht am 24.10.2025

Am nächsten Morgen zeigte das Meer eine ungewöhnlich dunkle Farbe. Wenn man genau hinsah, konnte man immer wieder Blubberblasen sehen, die aus der Tiefe aufstiegen, als hätte jemand auf dem Meeresgrund eine Schachtel mit Brausetabletten geöffnet. Dazu gab das Wasser gurgelnde Geräusche von sich.

„Daran merkt man, dass der Sturm aufzieht“, erklärte Piet dem Weihnachtsmann und seinen Wichteln, als sie sich wieder in Bewegung gesetzt hatten. „Kein Wunder, wir sind ja auch gar nicht mehr so weit von den Schafsinseln entfernt.“

„Na also“, grinste Anton-Jochen, „dann hat uns die Schussfahrt gestern doch was gebracht.“

Der Weihnachtsmann schüttelte empört den Kopf. „Du hältst besser deinen Mund!“, sagte er, denn inzwischen hatte er erfahren, was am Nachmittag zuvor passiert war. Wären da nicht die Kinder gewesen, für die er unbedingt die Holzspielsachen brauchte, hätte er Piet zuliebe den Vorschlag gemacht, umzukehren.

„Können wir im Sturm weiterfahren?“, fragte Anatol-Joshua.

Piet nickte. „Erst mal schon. Wir gehen auch gleich wieder auf Tauchstation. Wenn es uns zu arg schüttelt, werde ich aber auf Nummer sicher gehen. Dann hilft nur abwarten.“

Unter der Meeresoberfläche wurde es schnell ungemütlich. Das U-Boot und seine Besatzung schaukelten bald wie eine Nussschale im Ozean. Piet beschloss, tiefer zu tauchen. Dort wurden die Schwingungen etwas erträglicher, dafür herrschte in der Tiefe große Dunkelheit.

„Ich glaube, ich muss den Bugscheinwerfer einschalten“, sagte er nach einem Rundumblick durch sein Panoramafenster. Er öffnete eine kleine Tür unterhalb der Bordinstrumente und fingerte dort an einem Schalter herum.

„Ah, viel besser.“

Die Wichtel waren neugierig geworden und klebten an den kleinen Seitenfenstern.

„Wow, ist das genial!“, rief Anatol-Joshua begeistert.

„Was man da alles erkennen kann“, meinte Anton-Jochen dazwischen, „seht mal, die gehen sofort zur Seite, um uns durchzulassen.“

Piet, der für einen Moment durch den Weihnachtsmann abgelenkt gewesen war, drehte sich mit einem entsetzten „Was?“ wieder zum Bildschirm um. „Nein!“, brüllte er, „alles, nur das nicht!“

Sofort drehte er den Geschwindigkeitsregler zu sich herum und umklammerte gleichzeitig mit der linken Hand so gut es ging das Steuerrad. Bevor die verschreckten Wichtel oder der Weihnachtsmann fragen konnten, was es denn da draußen gab, ruckte das U-Boot wie ein bockiger Esel mehrmals vor und zurück und blieb schließlich mit einem gellenden Pfiff ganz stehen. Piet sank in sich zusammen. Er rutschte auf den Boden, schlug die Hände vor sein Gesicht und schüttelte den Kopf. Die Wichtel, die bei der Unruhe schon wieder übereinander gefallen waren, rappelten sich auf und sahen den Weihnachtsmann fragend an.

„Weißt du …?“, wisperte Anatol-Joshua, doch der Weihnachtsmann legte den Zeigefinger an seine Lippen. Dann beugte er sich langsam zu Piet hinunter und legte ihm die Hand auf den Arm.

„Piet“, sagte er leise, „Piet, was ist los? Was hast du gesehen?“

Es dauerte noch etwas, bis Piet in der Lage war zu antworten. „Die Schlingpflanzen“, murmelte er, „das sind keine normalen Schlingpflanzen. Das ist Baruda-Gras.“

Wieder schüttelte er den Kopf und schniefte dabei.

„Baruda-Gras?“, wiederholte der Weihnachtsmann. „Und was hat es damit auf sich?“

„Teufelszeug“, flüsterte Piet ergriffen.

Als sie ihren U-Boot-Kapitän so sahen, bekamen selbst die Wichtel ein mulmiges Gefühl. Baruda-Gras hörte sich doch eigentlich völlig harmlos an!

Der Weihnachtsmann stand schwerfällig auf und ging wortlos in die Kombüse hinüber. Kurz darauf kam er mit der Teekanne und einem Becher zurück. „Du trinkst jetzt erst mal einen starken Tee.“

Anatol-Joshua, Anders-Jonas und Anton-Jochen, die sich im Halbkreis um Piet herumgesetzt hatten, starrten ihn gebannt an. Der trank langsam, Schluck für Schluck, drei Becher ostfriesischen Tees, räusperte sich dann umständlich und sagte schließlich: „Männer, wir sitzen fest. Das Baruda-Gras hat uns gefangen. Erst sieht es ganz nett aus, wie normale Schlingpflanzen, und streift locker den Schiffsrumpf. Wenn man ein Stück weit gefahren ist, packt es zu und hält einen fest. So lange, wie der Sturm andauert.“

„Na okay, aber der legt sich doch auch wieder, und dann können wir weiterfahren“, meinte Anders-Jonas, „wo ist das Problem?“

„Dass man um diese Jahreszeit nie weiß, wie lange so ein Sturm tobt“, antwortete Piet. „Tage, Wochen … was weiß ich …“

„Na, na“, beschwichtigte der Weihnachtsmann, „wir wollen mal nicht gleich total schwarzsehen. Lass uns …“

„Dann müssen wir ja hier unten verhungern“, jammerte Anton-Jochen dazwischen.

Die anderen sagten nichts mehr.

Mit jedem Tag, den die Besatzung von Piets U-Boot nahe dem Meeresgrund ausharren musste, wurde sie mutloser. Die Wichtel gaben längst keine Sprüche mehr von sich, dem Weihnachtsmann waren die aufmunternden Worte ausgegangen, und Piet, der zuerst noch hier und da versucht hatte, mit verschiedenen Manövern das U-Boot irgendwie in Fahrt zu bringen, hatte aufgegeben. Die Vorräte in der Kombüse schrumpften bedenklich. Wie lange dauerte es eigentlich noch bis Weihnachten?


Fortsetzung folgt…