Weihnachtsabend
Rastlos und nervös wandert Ralf im Haus herum. Endlich bimmelt das Glöcklein. Seine Nerven sind zum Zerreißen gespannt, er kann das Öffnen des Pakets kaum erwarten. Wer wohl seine Verehrerin ist?
Gleichzeitig möchte er in Grund und Boden versinken, wenn er sich vorstellt, wie Katrin verwundert den Single Malt auspackt.
Die Nordmanntanne ist festlich geschmückt und strahlt in hellem Glanz. Auf Tradition legt sein Familienclan Wert, samt Weihnachtsliedern und Weihnachtsgeschichte. Als sie gemeinsam „Stille Nacht“ anstimmen, bemerkt Ralf, wie selbst der grantige Onkel plötzlich weich wird. Für einen Augenblick klingt alles wie eins, verbunden, und er spürt: Weihnachten ist mehr als Geschenke – es ist dieses Gefühl, zusammenzugehören.
Endlich. Der Sturm auf die Geschenke beginnt. Ralfs Herz pocht, als er das Paket aufschneidet. Fünf Tafeln Schokolade kommen zum Vorschein, in den Sorten Vollmilch, Trauben-Nuss, Rum, Zartbitter und Weiße Schokolade. Außerdem eine Packung Lindt Pralinen. Ein Advokat Eierlikör. Und ein Rucksack. So viel!
Jetzt wird es spannend. Zwei Kuverts sind noch zu öffnen. Er entscheidet sich zuerst für das große.
Dicke, bunte Buchstaben tanzen vor seinen Augen. „Einladung zu einem romantischen Abend.“ Ein Pärchen ist gezeichnet. Es sitzt an einem kleinen Tisch gegenüber und prostet sich mit Sektgläsern zu. Ihre Gesichter berühren sich beinahe.
Ein Pärchen! Ein romantischer Abend!
Tränen machen sich auf den Weg. Dieses Mädel, das muss ihn ja geradezu …
Von wem stammt das alles? Ralfs Finger fangen an zu zittern, als er das kleine Kuvert aufschlitzt. Langsam nimmt er ein mit Schneeblumen bedrucktes, zusammengefaltetes Papier heraus. Ein paar Mal atmet er kräftig durch, bevor er den Bogen aufklappt.
Sein Herz schlägt wie wild.
„Ein fröhliches Weihnachtsfest. Ganz liebe Grüße. Katrin“. Darunter zwei … Herzchen!
Ein warmer Schauer durchströmt ihn, das übertrifft seine kühnsten Erwartungen. Er lehnt sich zurück, schließt die Augen und lässt das Glück in sich aufsteigen. Allmählich wird ihm klar, dass Schenken manchmal bedeutet, Mut zu fassen und den anderen wirklich wahrzunehmen.
Allmählich macht sich ein unruhiger Gedanke breit. Er sieht Udo vor sich, wie er Katrin zärtlich über die Stirn streicht. Warum? Warum lässt sie das zu? Warum flirtet sie immerzu mit diesem Kerl?
„Will sie mich eifersüchtig machen?“, murmelt er. Damit er endlich die Initiative ergreift? Und jetzt hat sie selber Schicksal gespielt?
Ein Schreck durchzuckt ihn. Der Single Malt! Katrin wird den Lasanta bereits ausgepackt haben.
Zur ersten Vorlesung im neuen Jahr ist Ralf absichtlich zu spät dran. Wie soll er Katrin unter die Augen treten? Die Feiertage über hatte er sich das Hirn zermartert, war aber zu keiner Lösung gekommen. Er nimmt ganz hinten Platz, um ihr nicht über den Weg zu laufen.
Schnell weg nach der Vorlesung. Mist, ein Aushang der Prüfungsbedingungen. Als er sich wieder umdreht, ist es zu spät zum Weglaufen. Udo und Katrin nähern sich ihm, ins Gespräch vertieft.
Katrin entdeckt ihn. Abrupt bleibt sie stehen und bedeutet Udo, sie allein zu lassen. Dann geht sie auf ihn zu.
„Hallo, Ralf!“
„Hallo Katrin! Ich …“ Verlegen ringt Ralf um Worte. „Mir ist es richtig peinlich, diese … falsche Weihnachtsüberraschung für dich.“
Katrins Lächeln wird breiter. „Wie bist du nur auf diese Schnapsidee gekommen?“
Ralf erklärt es ihr. „Ich hab es leider erst zu spät erfahren, diese Geschichte mit dem Single Malt für dich und den Heißen Höschen für den Opa“, endet er.
Da brechen beide in Lachen aus.
„Halb so schlimm“, meint sie, „Ich hab auch diesmal mit Opa getauscht. So bin ich zu meinem Dartset gekommen, was ich mir eh gewünscht hatte!“
Lina kringelte sich vor Lachen.
„Heiße Höschen für den Opa! Heiße Höschen für den Opa …“
„Na, was lacht ihr denn so?“ Unbemerkt war Oma in die Stube getreten. „Hast du Lina etwa die Geschichte von den Hot Pants erzählt, Ralf?“
Lina lief zur Oma. Sie prustete immer noch. „Heiße Höschen für den Opa …“
Ralf zeigte schmunzelnd auf die Flasche. „Magst auch einen Schluck von dem guten, alten Single Malt, Katrin?“
Oma schüttelte lächelnd den Kopf. „Ach, ihr zwei! Weißt du, Lina, das Schönste an Weihnachten steckt nicht in den Päckchen, sondern darin, dass wir zusammen sind, Geschichten erzählen, lachen und uns erinnern.“



