„Was trinkst du da, Opa? Darf ich probieren?“ Unbemerkt war Lina an Ralfs Seite geschlichen.
„Das ist nur was für große Leute. Aber riechen darfst du“, sagte er und hielt ihr das Glas an die Nase.
„Iiih, das stinkt!“
„Ja, für ein Kind mag das seltsam riechen. Ich finde den Duft wunderbar.“
„Wenn ich mal ein Opa bin, schmeckt es mir dann?“
Da musste Ralf herzhaft lachen. „Wenn du mal eine Oma bist … vielleicht.“
Sanft strich er ihr über die blonden Locken. „Wenn du magst, erzähl ich dir, wie ich zu diesem besonderen Getränk gekommen bin.“
„Jaaa.“ Lina strahlte ihn an.
Außer Atem hechtet Ralf die Treppen hoch. Wie immer zu spät. Dabei hatte er alles gegeben mit seinem alten Klapperfahrrad. Die anderen Geburtstagsgäste sind schon da. Ralf blickt in die Runde. Udo sitzt neben Katrin, das war zu erwarten. Es gibt ihm einen Stich, als er sieht, dass ihre Ellbogen dicht aneinander liegen. Vom Kassettenrekorder erklingt Roland Kaisers Santa Maria. Auch das noch!
Katrin und Ralf hatten sich schon mehrmals einen Platz in den Vorlesungen freigehalten und einander geholfen, wenn sie mit den Aufgaben nicht klarkamen. Und wenn sich ihre Arme beim Herumalbern wie zufällig berührten, hatte ihn am ganzen Körper eine Welle von elektrischen Funken erfasst. Zu gerne würde er mit Katrin ausgehen. Aber er wollte keine Abfuhr riskieren. Katrin flirtete auch mit Udo. Das hatte er mehrmals beobachtet.
Die Kuchenfete ist in vollem Gange. Marion, eines der beiden Geburtstagskinder, klimpert mit dem Löffel an ihre Kaffeetasse.
„Eva und ich haben uns überlegt, dass wir uns alle gegenseitig Weihnachtsgeschenke machen, so im Wert von zehn bis fünfzehn Mark. Übernächste Woche ist die letzte Vorlesung. Wir schlagen vor, dass wir uns danach wieder hier bei mir treffen und die Päckchen austauschen. Aber jeder darf sein Geschenk erst am Heiligen Abend öffnen. Einverstanden?“
„Wie in der Grundschule.“ Heiteres Einverständnis von allen Seiten.
„Wir sind fünf Frauen und fünf Männer“, fährt Marion fort. „Die Burschen beschenken die Mädels und umgekehrt. Jeder darf seine Wünsche äußern, und wenn er mag, eine kleine, lustige Weihnachtsgeschichte erzählen.“
Ein paar lachen, einer sagt: „Das klingt ja fast wie damals im Dorf, als alle noch zusammenkamen.“
Eine leise Pause entsteht, und Ralf spürt, dass dieses Schenken nicht nur ein Spiel ist, sondern auch eine Art, einander wichtig zu nehmen.
Ralf ist gespannt auf Katrins Wünsche. Gerade als sie zu reden beginnt, steckt Marions Mutter den Kopf herein. „Ralf, ein Anruf für dich. Deine Mutter.“
Ein Notfall? Der Schreck fährt Ralf in die Glieder. Ausgerechnet jetzt. Er möchte Katrin zuhören. Trotzdem steht er sofort auf, folgsam wie immer.
„Denkst du auch daran, mir das bestellte Buch mitzubringen?“
„Klar, Mama!“ Ralf verdreht die Augen und kehrt zurück. Hört nur noch, wie Katrin ganz laut „Single Malt“ sagt. Alle biegen sich vor Lachen und wischen sich die Tränen aus den Augen. Single Malt? Nie gehört. Seltsamer Wunsch, denkt Ralf.
Als er an die Reihe kommt, legt er los:
„Ich wünsche mir: Schokolade, Pralinen, Mandarinen, Eierlikör …“, sein Blick schweift unwillkürlich zu Katrin, als er fortfährt, „eine Einladung ins Kino, einen romantischen Abend …“
„… eine Yacht, Urlaub auf den Seychellen“, platzt Udo unter allgemeiner Erheiterung dazwischen.
Aber Ralf ist noch nicht fertig. „Ach ja, und einen Rucksack. In den hier schneit es schon rein.“ Dabei zeigt er auf den langgezogenen Riss an der Seite und erntet ein paar Lacher.
„Wer beschenkt wen?“, fragt jemand in die Runde.
Udo deutet auf Katrin. „Wir beschenken einander.“
„Losen wir doch!“, kontert Ralf.
Eva nickt. „Ja, dachten wir zuerst auch. Aber wir machen es spannender: Wir haben diese Quizkarten und Etiketten mit euren Namen vorbereitet.“ Eva hält beides hoch. „Wer als Erster die richtige Antwort ruft, darf sich eines der Namenskärtchen aussuchen. Es muss aber von einer Person des anderen Geschlechts sein. Bitte nichts verraten, sonst ist ja der Überraschungseffekt weg. Den Namen klebt jeder dann auf sein Geschenk. Kriegt ihr das hin?“
Er muss unbedingt der Schnellste sein. Hochkonzentriert beugt Ralf sich vor.
Eva zieht eine Quizkarte vom Stapel. „Wo wurde Thomas Mann geboren?“
Oh nein, denkt Ralf. Bei Bertold Brecht hätte er sofort „Augsburg“ sagen können. Hier kann er nur raten. Irgendwo im Norden. „Hamburg.“
„Husum“, hält Udo dagegen.
Der wird doch nicht Recht haben?
„Die Antwort lautet …“ Eva dreht die Karte um. „Lübeck!“
Na klar, das Buddenbrookhaus! So ein Mist! Er war zu aufgeregt. Zum Glück lagen auch Udo und die anderen falsch.
Eva gibt den Quizkartenstapel an einen der Jungs weiter.
„Wie viele Zahlen befinden sich auf einer Dartscheibe?“
„Zwanzig!“, ruft Katrin.
Oha, denkt Ralf. Sie wird sich doch nicht mit Dart auskennen? Davon hat er selber keine Ahnung.
„Richtig!“
Alle klatschen. Ralf nickt ihr anerkennend zu. Wird sie Udo oder ihn auswählen?
Marion liest die nächste Frage vor: „Wie heißt die älteste Universität von Paris?“
„Sorbonne!“, stößt Ralf blitzschnell hervor. Er jubelt innerlich. Katrins Namenskarte gehört ihm! Den Rest des Nachmittags erlebt er wie in Trance.
Fortsetzung folgt…



